Zwischen Individualismus und Kollektivismus

Erschienen in „neues deutschland“ am 15. August 2013

 

Klaus Lederer hat ein Handbuch über Freiheit herausgebracht

Von Dominic Heilig

Jegliches hat seine Zeit, Steine sammeln, Steine zerstreun», sang und singt noch heute die legendäre DDR-Rockband Puhdys. Mit dem vom Vorsitzenden der Berliner Linkspartei Klaus Lederer und seinem Kompagnon Karsten Krampitz herausgegebenen Buch über die Begrifflichkeit, Konzeption und den politischen Missbrauch des Begriffs «Freiheit» verhält es sich ähnlich.

Diese Publikation passt in diese Zeit und kommt genau zur rechten Zeit. Technischer Fortschritt hat längst alle noch so abstrus erscheinenden Überwachungsfantasien überflügelt und Freiheit in einem Maße einschränkt, wie man es dereinst kaum für möglich hielt und woran man sich mittlerweile gewöhnt hat. Die junge Generation von heute trägt ihren Individualismus nach außen – über Facebook und Twitter. Und verwandelt sich somit, ohne es selbst zu bemerken, in eine uniforme Masse. Freiheiten werden freiwillig aufgegeben.

Wider diesen Zeitgeist streitet die erfrischende Textsammlung von Lederer und Krampitz. Die beiden haben Beiträge von 28 Autoren aus Vergangenheit und Gegenwart zusammengetragen, die spannend wie streitbar ihre Sicht auf das «Freiheits-Paradies» zur Debatte stellten. Unter ihnen die US-amerikanische Friedensaktivistin Emma Goldman («Das Tragische an der Emanzipation der Frau»), der Publizist Robert Misik aus Wien («Das laue Freiheitsgelaber der Rechten») und Wolfgang Seidel, Mitbegründer der legendären Band «Ton, Steine, Scherben» («Rock and Roll und die Linke»). Viele Texte befassen sich mit dem Verhältnis von individueller Freiheit und kollektivistischem Ideal. Nie ist das eine im anderen verwirklicht.

Aber: «Was heißt denn nun Freiheit?» Die Herausgeber einigten sich auf eine Annäherung an den Begriff, die sich wie ein roter Faden durch alle Beiträge zieht: «Womöglich fängt wahre Freiheit erst mit der Freiheit von der Angst an. Nicht Furcht, die durchaus produktiv sein kann, die den Menschen vorsichtig sein lässt und vor Dummheiten bewahrt, sondern Angst – Angst, die lähmt, die Menschen beherrschbar und kaputt macht.»

Das Handbuch soll zum Streit inspirieren. Das wünschen sich die Herausgeber. Und das ist mit der Auswahl der Texte auch gelungen. So kritisierte Emma Goldman an der emanzipatorischen Frauenbewegung: «Emanzipation, wie sie von der Mehrheit der Anhängerinnen und Vertreterinnen verstanden wird, ist viel zu eng gefasst, als dass sie Raum lassen würde für grenzenlose Liebe und Verzückung, die in der Empfindungswelt der Frau, Geliebten und Mutter so tief verankert sind.» Diese Zeilen wurden 1911 geschrieben. Die Herausgeber messen ihnen offenbar noch eine aktuelle Relevanz bei.

Anregend liest sich die Auseinandersetzung von Lederer mit dem Freiheitsdiskurs der politischen Linken. Er betont: «Es wäre unvereinbar mit den Zielen einer emanzipatorischen Linken, das reibungsfreie Aufgehen des Individuums im Kollektiv anzustre᠆ben … Nicht die Emanzipationsfortschritte sind kleinzureden, sondern wir müssen die Mentalität angreifen, die besagt, dass ›mehr eben nicht drin‹ sei. Dazu gehört auch, die gefährliche Liebschaft der Emanzipation mit dem Neoliberalismus aufzubrechen.» Der Kampf um Freiheit sei hier und jetzt zu führen. Der Herausgeber und Autor warnt zugleich, das «Erkämpfen individueller Freiheitsrechte, das Beharren auf dem Recht jedes Menschen auf Dissidenz und Eigensinn» dürfe nicht dazu führen, «die kollektive Eman᠆zipationsnotwendigkeit aus dem Auge zu verlieren».

Auch Misik geht es um die Hegemonie über den Begriff und Inhalt von «Freiheit». Er konstatiert: «Es gehört zu den eigentümlichsten Seltsamkeiten unserer an Seltsamkeiten nicht armen Welt, dass sich die Konservativen und Neoliberalen als ›Kraft der Freiheit‹ großtun, während sie den Linken und Progressiven die Punze umzuhängen versuchen, diese seien für Gängelung und die Einschränkung von Freiheit des Einzelnen.»

Gerade in der beginnenden Wahlkampfzeit um die begehrten blauen Stühle im Bundestag ist dieses Buch über Freiheit und Freiheiten ein Lektüre-Muss. Die Zeit und die Freiheit, die hier gebündelten Aufsätze zu lesen, sollten sich alle politisch interessierten Zeitgenossen leisten.

 

Klaus Lederer/Karsten Krampitz: Schritt für Schritt ins Paradies. Handbuch zur Freiheit, Karin Kramer Verlag. 250 S., br., 18 €.

 

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