Verkehrte Welt beim Fest der portugiesischen Kommunisten

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Die PCP feiert ein Jahr nach der Linkswende die 40. Auflage ihrer »Festa do Avante«

Von Dominic Heilig, Lissabon
Ein halbes Jahr war die neue, sozialdemokratisch geführte und von der portugiesischen Linken tolerierte Minderheitsregierung im Amt, da stellte sich ihr eine erste Bewährungsprobe. 320 Arbeiter im Lissaboner Hafen wurde im Mai von heute auf morgen gekündigt. Die Gewerkschaft mobilisierte, Streiks wurden organisiert und die Regierung begab sich in Verhandlungen mit der Betreibergesellschaft. An deren Ende stand die Wiedereinstellung der gekündigten Dockarbeiter, ein leicht verbesserter Tarifvertrag und die Festanstellung von 23 Leiharbeitern. Zwar konnte keine Lohnerhöhung erreicht werden, dafür gibt es nicht länger Leiharbeit im Hafen.

Über die Docks führt die »Brücke des 25. April« Menschen aus der Hauptstadt über den Tejo in den Süden des Landes und damit ab diesem Donnerstag wieder viele Zehntausende geradewegs zur »Festa do Avante«. Auch einige Hafenarbeiter werden an dem dreitägigen Fest der Zeitung der Kommunistischen Partei Portugals (PCP) teilnehmen.

Joao ist Rentner und Taxifahrer. Er ist auf den Zusatzverdienst angewiesen und quert den Tejo täglich. »Das, was ich am Monatsende habe, reicht nicht zum Leben«, erklärt er verbittert. »Die Troika hat verlangt, dass Renten gekürzt werden. Und das alles, um Banken und Reiche zu sanieren.«

Joao ist immer schon Mitglied der Kommunistischen Partei und hilft bereits seit Juni beim Aufbau des Festivals. In diesem Jahr ist mehr zu tun, als in den Jahren zuvor. Denn die Partei hat ihr Gelände in Amora (Seixal) erweitert. Ein besonderes Fest soll es werden, schließlich ist es die 40. Auflage. »Es gehört dazu, mitzuhelfen, damit alles fertig ist, wenn die Gäste kommen«, sagt er stolz.

Jorge ist kein Parteimitglied, hilft aber dennoch seit einigen Tagen freiwillig. »Ich habe von Freunden gehört, dass das neben der ganzen Arbeit auch viel Freude macht. Man trifft viele Menschen aus dem ganzen Land, aus verschiedenen Verhältnissen und vor allem viele junge«, erzählt der 21-Jährige. Wasser- und Stromleitungen sind zu verlegen, hunderte Stände und mehrere Bühnen aufzubauen.

Auf der Hauptbühne wird neben bekannten portugiesischen Bands am Sonntag auch Jerónimo de Sousa auftreten und traditionell die Abschlussrede vor Zehntausenden halten, in deren Anschluss noch ein letztes Mal zum Volkslied »A Carvalhesa«[1] getanzt wird. In den vergangenen Jahren bot dem Parteivorsitzenden die große Kulisse auf der Festa die Möglichkeit gegen Troika, Europäische Union und die konservative Regierung zu wettern. Doch seit November 2015 toleriert seine PCP gemeinsam mit dem marxistischen Linksblock eine sozialdemokratische Minderheitsregierung. Verkehrte Welt also in diesem Jahr auf der »Festa do Avante«?

Als im Juli in Brüssel darüber nachgedacht wurde gegen Portugal ein Defizitverfahren einzuleiten, da erneut die Maastrichtkritierien verpasst wurden, plädierte de Sousa für einen Austritt des Landes aus der Eurozone. Und Anfang des Jahres, bei der Verabschiedung des Staatshaushaltes, gingen seiner Partei die Rücknahmen der durch die Vorgängerregierung durchgesetzten Lohnkürzungen zu schleppend voran. Premier António Costa (PS) präferierte eine Rücknahme der Lohnsteuererhöhungen von 3,5 Prozent in zwei Schritten, de Sousa verlangte eine sofortige Senkung. Die Verhandlungen zwischen den Parteiführern waren und werden schwierig bleiben.

Dennoch glich bereits die Bereitschaft der Kommunisten, Premier Costa zu stützen, einer kleinen Revolution. Die PCP hatte, seit dem Bruch der Übergangsregierung nach der Nelkenrevolution 1974/75, jegliche Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten vehement abgelehnt. Jerónimo de Sousas Doppelstrategie, Einfluss auf die Regierungspolitik nehmen und gleichzeitig politische Opposition bleiben zu wollen, scheint vor allem im Hinblick auf die Wähler der PCP sinnvoll. Viele gehören, wie Ana, den ärmeren Schichten der Bevölkerung an. Sie haben noch nicht viel mitbekommen von den neuen sozialen Versprechungen der Regierung. »Die Lage ist kompliziert, das sehen wir. Nur können wir nicht ewig warten«, sagt die junge Frau aus einer der Trabantensiedlungen Lissabons. Doch auch sie wird sich die »Jubiläums-Festa« in diesem Jahr nicht entgehen lassen und de Sousa aufmerksam zuhören.

Erschienen in Neues Deutschland am 1. September 2016

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