Auf private Hilfe angewiesen

Flüchtlingslager in Suruc
Foto: Dominic HeiligFlüchtlingslager in Suruc Foto: Dominic Heilig

Im syrisch-türkischen Grenzgebiet zu Kobane warten alle auf eine Befreiung der Stadt, die jedoch nicht kommt. Derweil geht das Sterben weiter. Flüchtlinge müssen sich um den Winter sorgen.

Von Dominic Heilig, aus Suruc (Türkei)

Die Anspannung und die Nervosität unter den Bewohnern türkischer Orte entlang der Grenze zu Syrien steigt von Tag zu Tag. Alle warten auf einen schnellen Sieg der kurdischen Verteidigungskräfte über die Terrormiliz des Islamischen Staats in Kobane. Doch dieser will sich so schnell nicht einstellen. Einige Kenner der militärischen Ausrüstung der Kurden und der geografischen Gegebenheiten sagen gar voraus, dass der Kampf um die Stadt, der längst zum Symbol für beide Seiten geworden ist, noch Monate dauern werde.

Am Ende wird nichts mehr von ihr übrig sein! Trotzdem wird durch die Bewohner weiterhin auf den umliegenden Feldern zwischen Suruç auf der türkischen und Kobane auf der syrischen Seite der Grenze ausgeharrt und jeder Bombenabwurf der USA mit Jubel bedacht.

Derweil schwirren freiwillige Helfer der Demokratischen Regionenpartei, einer türkisch-kurdischen Partei, geschäftig umher. Sie koordinieren Fahrzeuge und Lebensmittel, Decken und Mitfahrgelegenheiten. Die 40 000 Flüchtlinge, die aus dem Stadtbild von Suruç, – eine sonst gerade einmal ebenso viele Einwohner zählende Stadt – kaum mehr wegzudenken sind, irren umher nach einer Unterkunft, nach Verwandten, Freunden und ehemaligen Nachbarn.

Journalisten bemühen sich, Informationen zu erhalten, und wissen am Ende doch nicht mehr als das, was sie selbst gesehen haben. Offizielle und überprüfbare Meldungen sind kaum verfügbar. Also tauscht man sich untereinander aus. Auch die Rechercheure der Pariser Zeitung »Liberation« und von »neues deutschland« stecken am Abend die Köpfe zusammen. Mit am Tisch ein junger Libanese, aufgewachsen in Frankreich. Er war schon einmal, vor wenigen Wochen, in Syrien und möchte unbedingt wieder rüber. Seine Schilderungen zeugen von Gewalt, Aufrüstung und Tod.

Die Informationslage ist auch deshalb so dünn, weil das türkische Militär seit den von ihm provozierten gewaltsamen Auseinandersetzungen an der Grenze mit Flüchtlingen und kurdischen Aktivisten in der vergangenen Woche kaum noch jemanden an den Zaun lässt. Werden Reporter und Kamerateams gesichtet, rückt sofort das Militär an und unterbindet beinahe jede Berichterstattung. Nur auf verschlungenen Wegen gelingt es, in Grenznähe zu gelangen, vorbei an den Panzerstellungen der türkischen Armee, um mit Augenzeugen und Einwohnern zu sprechen. Diese sagen dann zum Beispiel, dass es in den vergangenen Nächten einigen kurdischen Kämpfern gelungen sein soll, im Dunkel der Nacht die Grenze nach Kobane zu überqueren.

Einige sprechen von über 30, andere sagen, es seien weniger Kämpfer gewesen. Auch das Gerücht, dass »Deutsche« sich den kurdischen Einheiten in Kobane vermehrt anschließen, hält sich hartnäckig. Zuletzt sollen Jungs aus Norddeutschland darunter gewesen sein. Bestätigt ist von all dem nichts.

Sicher ist hingegen, dass jeden Tag aufs Neue Verwundete aus Kobane über die Grenze ins Krankenhaus von Suruç gebracht werden. Wie lange sie für die Überwindung der auch mit Minen gesicherten Grenze gebraucht haben, ist ebenso unklar wie ihre Identität. Ein Arzt, der namentlich nicht genannt werden möchte und als Freiwilliger aus Ankara im Hospital in Suruç seinen Dienst tut, ist bereit aufzuklären. »Den türkischen Sicherheitskräften geht es vor allem darum festzustellen, wer bei uns im Krankenhaus versorgt wird. Wir nehmen gar nicht erst Personalien auf, um nicht erpressbar zu werden.« In der vergangenen Woche hätten türkische Spezialeinheiten dennoch das Krankenhaus vermummt betreten und nach »Verdächtigen« gesucht. »Einen Patienten haben sie direkt aus dem Bett mitgenommen.«

Eigentlich, so sagt der Chirurg, fehle es dem Krankenhaus an nichts: »Was wir aber brauchen, sind Krankenwagen, die die Verwundeten von der Grenze holen.« Er selbst schiebt schon seit Wochen 24-Stundenschichten und findet ab und an Zeit für Schlaf in nicht belegten Krankenbetten. Doch trotz aller Aufopferung: Erst vorgestern wurden wieder vier kurdische Kämpferinnen in Suruç beerdigt. Sie konnten noch nicht einmal identifiziert werden.

Unweit des Krankenhauses von Suruç befindet sich eines von derzeit drei offiziellen Flüchtlingslagern in der Stadt. Längst nicht alle Flüchtlinge haben darin Platz gefunden, einige schlafen in leer stehenden Läden oder Abrisshäusern ohne Fenster oder Wände am Stadtrand. Die linke kurdische Stadtverwaltung bemüht sich unermüdlich um Hilfe für sie alle. Doch auch ihr wird von der Zentralregierung in Ankara wenig Unterstützung zuteil. Organisiert und finanziert werden die Zeltstädte wie auch Nahrungsmittel und Decken ausschließlich von der Kommune, Privatpersonen. Die Kritik an der Regierung ist deshalb besonders groß. »Von denen war noch niemand hier und hat sich nach der Situation erkundigt«, erklärt Leyla Akca, Leiterin eines Flüchtlingslagers.

Während des Gesprächs fährt ein Truck vor. Männer laden Obst und andere Lebensmittel im Lager ab. »Das kommt von den Menschen aus der Region. Sie spenden und organisieren sehr viel. Die Leute im Lager sind dafür sehr dankbar«, erklärt Akca. Im Lager organisieren die Flüchtlinge die Verteilung von Hilfs- und Nahrungsmitteln größtenteils selbst. Dennoch fehlt es an vielem. Es werden weitere Zelte, Toilettencontainer und Wasser gebraucht, am nötigsten aber Babynahrung. »Es gibt viele Kleinkinder hier bei uns. Ohne Nahrung wird der bevorstehende Winter sehr schwer für sie«, erklärt die Leiterin des Camps. Dann macht sie sich wieder an die Arbeit.

Der Artikel ist in der Tageszeitung „neues deutschland“ am 16. Oktober 2014 erschienen. 

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