Ankara interessiert nicht, was aus ihnen wird

Mit den Terrormilizen des Islamischen Staates kamen die Schrecken des Krieges in die Kurdengebiete. Dort wird gekämpft, vertrieben, getötet. In Deutschland fordern Zehntausende Demonstranten internationale Unterstützung für die Kurden. Doch während der Westen an Allianzen gegen die Islamisten feilt, fliegt die türkische Luftwaffe Angriffe auf Stellungen der Arbeiterpartei Kurdistans.

Von Dominic Heilig
Flüchtlinge campieren entlang der Grenze Foto: Dominic Heilig

Flüchtlinge campieren entlang der Grenze
Foto: Dominic Heilig

Das türkisch-kurdische Dorf Mehser liegt nur wenige hundert Meter vom Grenzzaun zu Syrien entfernt und damit in Sichtweite der umkämpften Stadt Kobane. In dem ein paar dutzend Seelen zählenden Ort halten sich dieser Tage hunderte Kurdinnen und Kurden aus vielen Teilen der Türkei auf. Sie sind freiwillig gekommen, um die Grenze zu bewachen. »Die türkische Armee macht das ja nicht«, sagt Ahmed aus Diyarbakir. Junge und alte haben sich an die Grenze zu Kobane auf den Weg gemacht, um den ungehinderten Grenzwechsel von IS-Kämpfern allein mit ihrer Anwesenheit zu verhindern. So wie in Mehser sieht es in vielen Ortschaften entlang der Grenze aus.

Als in der Nacht das Metalltor eines Hofes im Dorf zuschlägt, reißt der laute Knall die Männer, die dicht gedrängt im Erdgeschoss des Haupthauses auf Matten in einem Raum schlafen, plötzlich aus dem Schlaf. Zu sehr erinnert das laute Geräusch an Bombenabwürfe der um die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) gebildeten »Koalition« oder die Panzergeschütze der IS-Terroreinheiten. In den vergangenen Tagen ist es schon mal vorgekommen, dass die Geschütze des IS das Dorf ins Visier nahmen. Und auch die Bombardements der Amerikaner erschüttern immer wieder die Gegend auf der syrischen Seite, westlich von Kobane.

Diesmal war es nur ein Hoftor. Fehlalarm. Doch in der Nacht von Montag zu Dienstag werden die Männer und Frauen in Mehser noch mehrmals von ihren Schlafplätzen hochschrecken und mit einer Mischung aus Freude und Besorgnis über die US-Luftschläge nach Draußen rennen.

Während im Hintergrund ständiges schweres Maschiengewehrfeuer zu hören ist, welches immer direkt nach einer US-Bombe folgt und daher vermutlich aus den Reihen der KämpferInnen der kurdischen YPG stammt, erklärt Leyla aus Cizre, dass hier niemand für Krieg sei und sich dennoch jederüber die Hilfe aus der Luft freut. »Erdogan will uns nicht helfen. Er hat die IS bislang ja nicht einmal als ‚Terrormiliz‘ bezeichnet, sondern lediglich als Islamisten. Seine Medien verdrehen die Lage an der Grenze und haben über die Proteste im Land nur sehr selektiv berichtet«, so die junge Frau.

Leyla ist 26 Jahre alt, hat einige Jahre in Bremen gelebt und ist seit den Kommunalwahlen vom Frühjahr diesen Jahres Bürgermeisterin der Stadt Cizre. »Vor allem in den letzten Wochen ist deutlich geworden, dass sich die türkische Regierung für uns hier nicht interessiert. Sie lassen IS ungehindert die Grenze überwinden, während sie nicht bereit sind einen Korridor für Flüchtlinge und Nachschub an die kurdischen Einheiten in Kobane offenzuhalten.«

Es ist eine unwirkliche Situation in diesem Landstrich. Seit Sonntag fliegen die USA vermehrt Luftangriffe. Man sieht die US-Fighter nicht. Man hört sie und es klingt wie um einen ganz normalen zivilen Flughafen in Europa auch. Mit dem Unterschied das wenige Sekunden nachdem man die Flieger hört, heftige Detonationen Gespräche oder alle aus dem Schlaf reißen lassen. Unwirklich ist auch die Tatsache, so sagen die Menschen entlang der Grenze, dass es auf Seiten der IS-Terrormiliz auch hunderte Tote in den letzten Tagen gegeben habe, dennoch deren Anzahl an Kämpfern stetig steigt. »Die holen nicht mal ihre Leichen ab, lassen sie einfach liegen und warten auf neue Kämpfer« erzählt einer der Alten aus dem Ort.

Zwischen den Grenzdörfern und der nächst größeren Stadt auf türkischer Seite, Suruc, kampieren teils auf offenem Feld hunderte Flüchtlinge aus und um Kobane. Wie Afsana, eine alte Frau der noch immer die Hände zittern, wenn sie von ihrer Flucht aus Syrien vor einigen Tagen erzählt. Sie wurde gerade erst an den Augen operiert, hat Probleme mit dem Sehen und müsste weiter im Krankenhaus behandelt werden. Plötzlich in der Nacht seien die IS-Terrormilizen vorgerückt und sie hatten nur einige Minuten, um aus ihrem Haus zu flüchten. Ihr Mann ist schon länger tot und so musste sie sich allein mit ihren sieben Töchtern auf den Weg machen. Alle konnten sich retten. Und nun wissen sie nicht weiter, wissen nicht wohin. Um sie herum hat sich ein kleines Camp gebildet. Kurdische Studierende aus Istanbul und Europa sind gekommen und haben eigenständig ein kleines Straßentheater erstellt, mit dem sie von Ort zu Ort ziehen, um die Geflüchteten für einen kurzen Moment mit Gesang und Tanz aus dem Schrecken zu ziehen. Afsana schaut wie gebannt zu. Mitten in der Aufführung dreht sie sich wieder um und sagt: »Ich habe Angst zurückzukehren. Sie haben alles zerstört und die Häuser abgebrannt. Wenn wir denn überhaupt zurückkehren können.«

Unweit einer Panzerstellung der türkischen Armee, die auf den umliegenden Hügeln vor Kobane überall Stellung bezogen haben und kaum noch Zivilisten zur Beobachtung der Lage vorlassen, sitzen vor einem Lehmhaus Gurbet und ihr Mann Fettah. Beide sind aus Savur zwischen Diyarbakir und Sanliurfa gekommen. Um zu helfen, wo es eben gebraucht wird. Sie haben drei erwachsene Kinder, ein Sohn und zwei Töchter. Ihr Sohn sitzt in der Türkei im Gefängnis. »Unterstützung der PKK« lautet die offizielle Begründung. Ihre beiden Töchter sind in Kobane, sind Kämpferinnen der weiblichen Einheiten der Volksverteidigungseinheiten (YPG-YPJ). »Natürlich macht man sich sorgen, hat man Angst, wie alle Eltern die tun würden«, sagt Gurbet. »Aber wir sind stolz auf unsere Töchter, stolz darauf, dass sie für die Freiheit kämpfen. Was gibt es wichtigeres als Freiheit?« fragt sie schließlich. Kontakt haben sie zu ihren Töchtern nicht.

Im Gespräch stellt ihr Mann Fettah schließlich jene Frage, die einem in dieser Zeit, in dieser Region praktisch von jedem gestellt wird: »Was tut Europa, was tut Deutschland, um uns zu helfen? Warum greift hier niemand ein und unterstützt uns mit Einheiten und Waffen?«. Es klingt weniger nach einer Anklage, vielmehr aber nach Verzweiflung.

Erschienen am 15. Oktober 2014 in neues deutschland

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